Im Zeichen der Erinnerung – Gedenkveranstaltung zum Novemberpogrom 1938

Pfarrer Heinz Weber begrüßte die Besucher der Gedenkveranstaltung zu den Novemberpogromen von 1938, die so zahlreich in die Bisseser Kirche gekommen waren, dass diese bis auf den letzten Platz besetzt war. Er fasste anschaulich zusammen, was sich seit Hitlers Machtergreifung 1933 bis zu den Pogromen bereits alles ereignete, bevor die Situation dann nach 1938 eskalierte. Aber er verwies auch auf viele Jahre des friedlichen Zusammenlebens von jüdischen und christlichen Mitbürgern.

„Wir wollen uns der Vergangenheit stellen, uns erinnern und uns bewusst machen, was geschieht, wenn Verblendung und Hass und vor allem Rechtlosigkeit unser Verhalten beeinflussen." Mit diesen Worten umriss Christa Degkwitz die Zielsetzung des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Echzell“ und damit auch der Gedenkveranstaltung zum Novemberpogrom 1938. Sichtlich berührt von diesen Worten, aber auch den vielen Gesten des Willkommens zeigte sich Miryam Marliese Laadan, die zusammen mit ihren Eltern Echzell bereits 1935 verlassen hatte und nun anlässlich dieser Gedenkfeier in ihre Heimat zurückkehrte. Insbesondere die Überreichung ihrer Geburtsurkunde, die ihrer Schwester und ihrer Eltern sowie die Heiratsurkunde mit Hochzeitszeitung durch Kurt Mogk, der sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der jüdischen Familien Echzells befasst, bereitete ihr erkennbar große Freude.

In Erinnerung an gemeinsame friedliche Zeiten zwischen den jüdischen und allen anderen Bürgern Echzells las Gitta Seckel die „Geschichte von der alten Line“, die als Karoline Leopold von 1848 bis 1930 in Gettenau lebte und an deren Häuschen sich Miryam Laadan noch deutlich erinnern konnte. Aber auch die zahlreich erschienenen Echzeller Bürgerinnen und Bürger lauschten dieser wunderbaren Erzählung mit Ergriffenheit. Von Daten und Fakten zum Schicksal der jüdischen Gemeinde Echzell-Gettenau-Bisses handelt der von Sabrina Lauster gelesene Brief von Siegfried Simon, dem Vater Miryam Laadans. Fast nüchtern schildert hier der Autor, wie gut die Mitglieder der jüdischen Gemeinde integriert waren, berichtet von deren Teilnahme am Ersten Weltkrieg, aber auch von der Ermordung seines Vaters und seiner Schwester mit Familie in Auschwitz. Tief betroffen lauschten die Zuhörer den von Dr. Jochen Degkwitz und Dr. Christian Becker vorgetragenen Namen der 58 Shoa-Opfer unter den ehemals in Echzell ansässigen jüdischen Familien, denen insbesondere gedacht werden sollte.

Mit dem Psalm 126, in dem es u. a. heißt: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird… dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein“, und dem Vaterunser leitete Pfarrer Kaiser zum gemeinsamen Schweigegang zum jüdischen Friedhof über. In Anlehnung an die jüdische Tradition legten alle Besucher hier kleine Steine auf den Grabsteinen ab und Pfarrer Weber sprach das jüdische Totengebet „Kaddish Yatom“ in deutscher Übersetzung , das Bastian Roos im Anschluss in aramäischer Sprache vortrug. Den würdigen Rahmen dieser Gedenkveranstaltung bildeten nicht zuletzt die musikalischen Beiträge von Johanna Backes (Klarinette) und Dr. Ralf Schäfer (Orgel), aber auch die vom Arbeitskreis zusammen mit dem Verein „Grätsche gegen Rechtsaußen“ vorbereitete „Lichterspur“ zum jüdischen Friedhof.